Anthropic nennt Investoren 16,8 Milliarden Dollar Quartalsumsatz – die Prüfung steht noch aus
Das Wachstum von rund 45 % zum Vorquartal verlangsamt sich, die Bilanz lässt zwei Lesarten zu, und das S-1 selbst war nicht einsehbar
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◆ Fakten auf einen Blick
- Anthropic hat laut Berichten am 26. Oktober 2026 eine öffentliche S-1 bei der SEC eingereicht.
- Preisspanne, Aktienzahl und Emissionsvolumen fehlen im eingereichten Dokument noch.
- Laut Berichten lag der Umsatz im ersten Halbjahr 2026 bei 16,3 Mrd. Dollar.
- Laut Berichten betrug der Nettoverlust im ersten Halbjahr 2026 80,7 Mrd. Dollar.
- Laut Auswertung liegt im öffentlichen S-1 kein einzelner Kunde über 10 % des Umsatzes.
16,8 Milliarden Dollar im dritten Quartal: Das Wachstum von 45 % verliert an Tempo
Anthropic hat Investoren einen Umsatz von 16,8 Milliarden Dollar für das dritte Quartal 2026 genannt. Die Angabe fiel am 14. Oktober bei einem Treffen in San Francisco. Im zweiten Quartal waren es 11,6 Milliarden Dollar. Daraus ergibt sich rechnerisch ein Zuwachs von rund 45 Prozent. Das Tempo hat nachgelassen. Im ersten Quartal lag der Umsatz bei rund 4,8 Milliarden Dollar, im zweiten hat er sich damit mehr als verdoppelt. Auch in absoluten Zahlen fiel der Zuwachs kleiner aus: rund 6,8 Milliarden Dollar im zweiten Quartal, rund 5,2 Milliarden im dritten. Anthropic wollte die Finanzdaten laut Berichten nicht kommentieren. Medienberichten zufolge nennt das geänderte S-1 für das dritte Quartal rund 17 Milliarden Dollar. Ohne das Dokument ist die Differenz zu den 16,8 Milliarden nicht zu klären.
Der Börsengang ist weit vorbereitet. Die Aktie soll an der Nasdaq unter dem Kürzel „ANT“ gehandelt werden, angepeilt ist die Woche vor Thanksgiving. Eine öffentliche Fassung des S-1 ging am 26. Oktober bei der SEC ein. Preisspanne, Aktienzahl und Emissionsvolumen fehlen noch. Sie werden üblicherweise kurz vor der Roadshow nachgereicht.
Das S-1 selbst konnte nicht eingesehen werden. Alle Zahlen stammen aus Sekundärberichten, teils gestützt auf anonyme Quellen. Die in manchen Berichten auftauchende Angabe „+1.368 % y/y“ bezieht sich auf das zweite Quartal, nicht auf das dritte. Als Maßstab für die aktuelle Entwicklung taugt sie deshalb nicht. Wo es sich um Selbstangaben des Unternehmens handelt, ist das im Folgenden gekennzeichnet.
80,7 Milliarden Dollar Verlust, 11 % bereinigte Marge: Zwei Lesarten derselben Bilanz
Die Investorenpräsentation und der Prospekt zeichnen ein sehr unterschiedliches Bild. Aus der Präsentation vom 14. Oktober berichten Medien folgende Kennzahlen: bereinigte operative Marge 11 Prozent, Bruttomarge rund 85 Prozent, positiver Free Cashflow, 1,70 Dollar Umsatz je Dollar Rechenkosten, Compute-Marge über 40 Prozent und eine Net Revenue Retention von 900 Prozent. Dabei handelt es sich um Selbstangaben des Unternehmens in Nicht-GAAP-Abgrenzung, die nur über Sekundärquellen belegt sind. Laut Berichten klammert die bereinigte Marge aktienbasierte Vergütung aus. Solche Größen fallen meist günstiger aus als der Abschluss nach Rechnungslegungsstandard.
Dem stehen die berichteten Prospektzahlen gegenüber. Demnach lag der Umsatz bei 386 Millionen Dollar im Jahr 2024 und bei 4,6 Milliarden im Jahr 2025. Im ersten Halbjahr 2026 waren es 16,3 Milliarden. Der Nettoverlust des ersten Halbjahrs beträgt 80,7 Milliarden Dollar. Davon entfallen 72,4 Milliarden auf die Neubewertung von Wandelanleihen und ähnlichen Instrumenten, also auf einen Buchverlust. Der bereinigte operative Gewinn liegt bei 1,6 Milliarden Dollar, was einer Marge von 10 Prozent entspricht.
Eine Bewertung, wie Net Revenue Retention und bereinigte Marge definiert sind, ist derzeit nicht möglich. Hier liegt ein Prüfauftrag: Das S-1 muss Definitionen, Umsatzbegriff und GAAP-Zahlen gegenüberstellen, bevor sich die Selbstangaben einordnen lassen. Das gilt auch für die berichtete Marktgröße von über 40 Billionen Dollar jährlich. Unklar bleibt, ob sie im Filing steht oder Medien sie aus anderen Angaben abgeleitet haben.
Kein Kunde mehr über 10 %: Was die Auswertung zur Kundenkonzentration zeigt
Frühere Entwürfe zeichneten das Bild starker Abhängigkeit. Ein von Reuters beschriebener Entwurf für 2025 nannte zwei nicht benannte Kunden mit je 12 Prozent des Umsatzes. Ein späterer Entwurf, den das Wall Street Journal einsah, sprach davon, dass im ersten Halbjahr 2026 rund ein Fünftel des Umsatzes von zwei Kunden stammte. Ein bedeutender Teil des Umsatzes werde absehbar weiter von wenigen Kunden kommen.
Das öffentliche S-1 wirkt laut einer Auswertung milder. Demnach überschreitet kein einzelner Kunde 10 Prozent, die größten Abnehmer werden nicht namentlich genannt. Der Umsatzanteil außerhalb der fünf größten Kunden stieg von 64 Prozent im ersten Quartal 2026 auf rund 79 Prozent im dritten Quartal. Zugleich soll jeder der fünf größten Kunden im dritten Quartal einen Ausgabenrekord erreicht haben.
Der Vergleich hat Grenzen. Die Entwürfe beziehen sich auf 2025 und das erste Halbjahr 2026, das öffentliche Dokument auf einzelne Quartale. Zudem stellt die Auswertung Entwurfsfassungen der Endfassung gegenüber. Und sie stammt von einer einzelnen Sekundärquelle, die sich nicht gegenprüfen ließ. Ob die Konzentration tatsächlich sank oder nur anders ausgewiesen wird, lässt sich daraus nicht ableiten. Über Ursachen wird hier nicht spekuliert.
Von 417 bis über 800 Milliarden: Warum Rechenverpflichtungen und IPO-Bewertung so weit streuen
Bei den Rechenverpflichtungen nennen die Berichte je nach Medium 417 Milliarden, rund 518 Milliarden, mehr als 600 Milliarden oder mehr als 800 Milliarden Dollar. Laut Wall Street Journal und TechCrunch könnten allein die Cloud-Verträge mehr als 750 Milliarden erreichen, teils sind sie noch in Verhandlung. Die Streuung hat einen erkennbaren Grund: Die Zahlen erfassen Unterschiedliches. Dazu zählen Equipment-Leases, etwa 161,2 Milliarden Dollar mit Broadcom, außerdem Mindestabnahmen bei Cloud-Anbietern, noch verhandelte Verträge und eigene Rechenzentren. Je größer die Zahl, desto weiter scheint die Definition gefasst zu sein. Zugleich legen die Berichte ihre Rechnung umso weniger offen.
Ähnlich uneinheitlich ist die Bewertung. Die Financial Times meldet, bestehende Investoren rechneten mit 1,5 bis 1,75 Billionen Dollar. Banker nannten Investoren etwa 2 Billionen. Laut jüngsten Angaben des Wall Street Journal drängen Käufer auf 1,5 bis 1,6 Billionen. Alle Quellen sind anonym. Anthropic hat keine Spanne bestätigt und, so die Berichte, weder ein Bewertungsziel noch die Aktienzahl festgelegt. Als Referenz dient die letzte private Runde: eine Series H über 65 Milliarden Dollar im Juni bei 965 Milliarden Dollar Bewertung. Der Umsatz der zwölf Monate bis 30. Juni lag bei 19,7 Milliarden Dollar.
Der Prospekt selbst warnt auf rund 94 Seiten Risikofaktoren vor „catastrophic or existential risks to humanity“. Bis zum Listing sind drei Punkte zu prüfen: die GAAP-Zahlen im S-1, die Definitionen der bereinigten Kennzahlen und die Preisspanne. Erst dann lässt sich beurteilen, ob die Selbstangaben aus der Investorenpräsentation und die Bewertungsvorstellungen zusammenpassen. Auch der Rivale OpenAI soll laut Handelsblatt im kommenden Jahr an die Börse gehen.



