Sinkt durch KI der Stundensatz? Für die These fehlt bislang die Empirie
Ein Essay auf dev.to rechnet vor, wie KI Freelancer-Preise drücken könnte. Studien belegen weniger Aufträge, Verdienste und Ausschreibungen, aber keine gesunkenen Stundensätze.
Mit KI erstelltInhalt
◆ Fakten auf einen Blick
- Eine Studie von Hui, Reshef und Zhou fand nach KI-Tool-Start weniger Aufträge und Verdienste für Freelancer.
- Business Insider: Am stärksten KI-exponierte Upwork-Freelancer verdienten im April 2023 über 5 % weniger.
- Systematische Übersicht: Stellenausschreibungen für Einsteiger- und mittlere Positionen sanken 2022 bis 2024 um 14 bis 41 %.
- Dieselbe Übersicht nennt 15 bis 22 % Lohnprämie für Beschäftigte mit KI-Augmentierungskompetenz.
- Ein arXiv-Positionspapier für CHIWork 2026 sieht Freelancer als Vorhut vom Produzieren zum Validieren.
75 Dollar die Stunde, 110 Dollar Angebot: die These vom entwerteten Arbeitsergebnis
Ein Beitrag auf dev.to vertritt eine klare These. KI mache Berufe nicht überflüssig, sie entwerte einzelne Arbeitsergebnisse. Freelancer würden nicht für ihre Zeit bezahlt, sondern für das Ergebnis. Wird dieses billiger, sinkt das Angebot der Auftraggeber.
Das Rechenbeispiel geht so: Wer 75 Dollar pro Stunde verlangt und für eine Aufgabe vier Stunden braucht, bekommt 300 Dollar. Schafft ein Werkzeug 60 Prozent der Arbeit in neun Minuten, und erledigt der Freelancer den Rest in 90 Minuten, sieht der Kunde anderthalb Stunden. Er bietet 110 Dollar.
Als Beleg führt der Autor eine Erfahrung aus dem Bankgeschäft an. Dort habe ein Modell laut Text den Wert pro Arbeitseinheit gesenkt. „Nobody lost a job in Q1“, schreibt er. Bis zum vierten Quartal seien jedoch 30 Prozent der Vergütung weggefallen.
Einzuordnen ist das als Essay mit Anekdote und Beispielrechnung. Urheber und Datengrundlage der These lassen sich nicht klären.
Weniger Aufträge, weniger Verdienst: was die Plattformstudie von 2023 misst
Empirisch stützt sich die Debatte auf eine Arbeit von Xiang Hui und Oren Reshef (Olin, Washington University in St. Louis) sowie Luofeng Zhou (New York University). Die Autoren untersuchten Freelancer in schreib- und bildbezogenen Feldern auf einer verbreiteten Freelance-Plattform. In den Monaten nach der Veröffentlichung populärer KI-Werkzeuge sanken dort Zahl der Aufträge und Gesamtverdienst. Die Meldung der Olin-Universität betont, der Effekt gelte zumindest kurzfristig.
Business Insider nennt eine Zahl zur Plattform Upwork. Die am stärksten KI-exponierten Freelancer verdienten im April 2023 über 5 Prozent weniger als vor der Veröffentlichung von ChatGPT. Schreibbezogene Tätigkeiten gehörten zu den am stärksten betroffenen.
Die Studie misst jedoch Aufträge und Gesamteinkommen, keine Stundensätze. Zudem stammt sie aus dem Jahr 2023.
Median minus 23 Prozent: Einsteigerstellen in Softwareentwicklung und Content schrumpfen
Eine systematische Übersicht nach PRISMA-Richtlinien wertete 94 Studien qualitativ und 42 quantitativ aus. Für 2022 bis 2024 dokumentiert sie in Hocheinkommensländern einen Rückgang der Ausschreibungen für Einsteiger- und mittlere Positionen in Softwareentwicklung und Content-Erstellung. Er liegt zwischen 14 und 41 Prozent, der Median bei minus 23 Prozent.
Die Autoren schränken ein. Es handle sich nicht um einen gepoolten Schätzwert, sondern um die Spanne über unterschiedliche Studiendesigns und Regionen hinweg. Die Zahl taugt also nur als Größenordnung. Betroffen sind laut Material Einsteiger- und mittlere Rollen in den beiden Feldern. Über Freelancer im Besonderen sagt der vorliegende Auszug nichts.
Mengeneffekt oder Preiseffekt: warum das Material die Frage offenlässt
Der Essay behauptet, die Stelle bleibe, nur der Preis sinke. Die Studien zeigen dagegen weniger Aufträge, geringere Verdienste und weniger Ausschreibungen. Das spricht eher für Mengeneffekte.
Der Widerspruch rührt daher, dass die Quellen Verschiedenes messen. Der Essay handelt vom Preis pro Ergebnis und stützt sich auf eine Anekdote. Die Studien erfassen Auftragszahlen, Gesamtverdienst oder Ausschreibungen. Ein Beleg für gesunkene Stundensätze liegt nicht vor. Der Satz kann gefallen sein, nur zeigt das Material es nicht.
Sinkende Einkommen sind sowohl mit weniger Aufträgen vereinbar als auch mit niedrigeren Preisen oder einer Mischung aus beidem. Mit den vorliegenden Zahlen lassen sich die Anteile nicht trennen. Hinzu kommen Grenzen der Aussagekraft. Die Plattformstudie betrachtet eine Plattform und einen kurzen Zeitraum nach 2022.
Belegt sind also Rückgänge bei Aufträgen, Verdiensten und Ausschreibungen. Nicht belegt ist, dass KI den Stundensatz selbst drückt.
Lohnprämie für KI-Kompetenz und die These vom Freelancer als Validierer
Als einzigen Gegenbefund zum Abwärtsbild nennt dieselbe Übersicht eine Lohnprämie von 15 bis 22 Prozent für Beschäftigte mit nachgewiesener KI-Augmentierungskompetenz. Außerdem wachsen demnach Infrastruktur-, Sicherheits- und QA-Rollen. Der Textauszug bricht an dieser Stelle ab. Der Befund gilt für Beschäftigte allgemein, nicht gezielt für Freelancer.
Ein arXiv-Positionspapier für den Workshop CHIWork 2026 (22. Juni 2026, Linz) sieht Freelancer als Vorhut eines Wandels. Sie wechselten vom Produzieren zum Validieren von KI-Ergebnissen. Das Papier stützt sich auf maschinelle Übersetzung mit Post-Editing und auf Softwareentwicklung. Es erhebt keine neuen Daten, sondern wertet Literatur aus und formuliert Vorhersagen. Welche Strategie Freelancern nützt, etwa Spezialisierung oder Ergebnispreise, belegt das Material nicht.



