Prix Goncourt schließt Roman nach KI-Verdacht aus
Académie Goncourt schließt Roman nach KI-Analysen aus; Autor bestreitet Vorwürfe und Verlage unterstützen ihn.
Mit KI erstelltInhalt
◆ Fakten auf einen Blick
- Der Roman 'C'était ça ou mourir' von Thélyson Orélien wurde veröffentlicht und ist ein erster Roman des Autors.
- Thélyson Orélien ist 38 Jahre alt, kanadisch-haitianischer Autor mit Wohnsitz in Québec.
- Der Roman wurde mit dem Prix du Roman Fnac ausgezeichnet.
- Der Roman stand auf den Longlists bzw. ersten Auswahlen für die Preise Goncourt, Renaudot, Femina und Médicis.
- Der Roman wurde vom Prix Goncourt ausgeschlossen.
- Ein anonymer X-Account namens 'Balance ton Claude' veröffentlichte am Montag, dem 21. September, den Vorwurf, der Roman sei 'fast vollständig' von einer KI geschrieben worden.
Goncourt-Akademie schließt Roman nach KI-Analysen aus
Der Roman „C'était ça ou mourir" des kanadisch-haitianischen Autors Thélyson Orélien ist vom Prix Goncourt ausgeschlossen worden. Die Académie Goncourt erklärte in Paris, mehrere Wissenschaftler und Journalisten seien bei Analysen zu dem Schluss gekommen, dass der Roman „allem Anschein nach sehr weitgehend das Produkt einer KI" sei. Mit dem Ausschluss solle die Integrität der Auszeichnung und der Akademie geschützt werden. Der Roman, ein Erstlingswerk des 38-jährigen Autors, stand auf den Longlists für die Preise Goncourt, Renaudot, Femina und Médicis und war bereits mit dem Prix du Roman Fnac ausgezeichnet worden. Der Autor bestreitet die Vorwürfe; sein französischer Verlag Grasset stellt sich hinter ihn. Diese Entwicklung markiert eine Eskalation gegenüber früheren Berichten, in denen lediglich von einer Nominierung und einer Kontroverse um den Roman die Rede war.
Anonymer Account 'Balance ton Claude' löst Kontroverse aus
Auslöser der Kontroverse war ein Beitrag des anonymen X-Accounts „Balance ton Claude" am Montag, dem 21. September. Der Account, der zu diesem Zeitpunkt nur etwa 92 bis 100 Abonnenten hatte, veröffentlichte den Vorwurf, der Roman sei „fast vollständig" von einer Künstlichen Intelligenz geschrieben worden. Der Name des Accounts spielt auf den KI-Assistenten Claude von Anthropic an. Die Betreiber gaben an, mehrere Passagen des Manuskripts durch das US-Tool Pangram geschickt und „fast immer dasselbe Ergebnis: 100 Prozent KI" erhalten zu haben. Sie veröffentlichten Screenshots, die diese Ergebnisse zeigen, darunter Analysen der ersten beiden Kapitel. Pangram beschrieben sie als „mit Abstand der zuverlässigste KI-Detektor" mit einer Falsch-positiv-Rate von nur 0,0041 Prozent. Die Anonymität des Accounts und seine geringe Abonnentenzahl stehen im Kontrast zur schnellen Verbreitung der Anschuldigung: Der Vorwurf verbreitete sich schnell und veranlasste mehrere Medien zu eigenen Untersuchungen.
Autor und Verlage bestreiten KI-Einsatz und verweisen auf Schreibbeginn 2017
Thélyson Orélien bestreitet die Vorwürfe. Der 38-jährige Autor, der in Québec lebt und haitianische Wurzeln hat, sagte der französischen Zeitung „Libération", er liebe kreatives Schaffen und Schreiben und habe keinen Grund, dafür eine Maschine zu benutzen. Er kündigte an, mit seinen Verlegern ein Dossier zusammenzustellen, um zu belegen, dass er das Buch selbst geschrieben hat. Orélien gibt an, er habe 2017 mit dem Schreiben des Romans begonnen. Einer seiner Verleger bestätigte gegenüber RTL, ein Manuskript bereits 2018 gelesen zu haben – vor dem breiten Aufkommen leistungsfähiger KI-Tools. Der französische Verlag Grasset unterstützt den Autor und verurteilt die Vorwürfe teilweise als „Hasskampagne". Der Québecer Verlag Boréal nimmt die Vorwürfe ernst, hält aber am Autor fest. Der Roman hat sich mehr als 35.000 Mal verkauft und wird in über 20 Sprachen übersetzt. Orélien, der auch als Dichter tätig ist, berichtet zudem von rassistischen Angriffen seit seiner Ankunft in Frankreich.
KI-Detektoren und Beweislage: Zwischen 100-Prozent-Ergebnis und fehlenden Belegen
Die Beweislage ist widersprüchlich. Der anonyme Account stützt sich auf Pangram-Ergebnisse, die für verschiedene Textpassagen „100 % KI" anzeigen. entrevue.fr stellt dagegen fest, es gebe zum jetzigen Zeitpunkt keinerlei Beweise für die Behauptung, der Roman sei „fast vollständig" von einer KI verfasst worden; die Herkunft der Anschuldigung sei unklar und der Account anonym. Die Académie Goncourt beruft sich bei ihrer Entscheidung nicht allein auf den anonymen Account, sondern auf eigene Analysen, die von mehreren Wissenschaftlern und Journalisten durchgeführt wurden. Die Zuverlässigkeit von KI-Detektoren ist umstritten: Experten weisen darauf hin, dass solche Werkzeuge mit Vorsicht verwendet werden müssen. Jean-Luc Falcone, Lehr- und Forschungsbeauftragter an der Universität Genf, erklärt, dass Textgeneratoren Inhalte produzierten, die literarischen Werken zunehmend ähneln, weil solche Werke Teil ihrer Trainingsgrundlage seien. Manche Texte, darunter die Bibel, würden fälschlich als KI-generiert eingestuft, während tatsächlich von KI erstellte Texte so verändert werden können, dass sie nicht mehr erkannt werden. Der Fall illustriert daher die Schwierigkeit, zweifelsfrei festzustellen, ob ein literarischer Text von einem Menschen oder einer Maschine stammt.
Pangram im Fokus: Ein Startup-Tool wird zum literarischen Richter
Pangram, das Tool im Zentrum der Kontroverse, ist ein US-amerikanisches Produkt eines 2023 gegründeten Startups aus Brooklyn. Das Unternehmen hat etwa 24 Mitarbeiter und hat 13 Millionen Dollar Finanzierung eingeworben, davon 9 Millionen Dollar in diesem Sommer von Menlo Ventures. Der Detektor ist ein Klassifikator, der auf Millionen menschlicher und generierter Texte trainiert wurde. Der Fall bringt dem Tool große Aufmerksamkeit, wirft aber auch Fragen zur Verlässlichkeit solcher Detektoren auf: Selbst das Tool räumt ein, dass eine geringe, aber reale Wahrscheinlichkeit besteht, dass ein menschlicher Text fälschlich als KI-generiert eingestuft wird. Diese Unsicherheit macht den Einsatz als alleiniger Schiedsrichter über literarische Urheberschaft problematisch. Der Fall wirft die Frage auf, wie man die Schrift einer Maschine erkennen soll, die auf Menschen trainiert wurde, wenn ein Mensch genau so schreibt, wie die Maschine es gelernt hat zu reproduzieren. Im eigenen Archiv finden sich weitere Beiträge zu KI-Themen, etwa zur kirchlichen Auseinandersetzung mit KI oder zu einem mathematischen Framework für KI-Integration.



